Hi Jungs und Mädels,
ich starte hier heute mal einen neuen Thread, von dem ich annehme, dass er recht lang werden wird. Unter Umständen wird es auch ein weitgehender Monolog von mir, aber egal. Dieses Thema verdient es, endlich mal öffentlich zugänglich in Detail geschildert zu werden, weil man in den Weiten des Netz einfach bislang so gut wie Null Info dazu findet.
Es geht hier um ein E-Auto, nämlich um den Streetscooter der Post. Euer Energie-Alex hat so eine ausrangierte Postkutsche in die Finger bekommen. So schaut das Teil aus:
Also klar, das Ding war natürlich mal gelb, wurde aber vom Zweitbesitzer weiß foliert.
Bevor wir das Ding jetzt auseinanderschrauben und reinschauen, hier noch etwas Blabla zur Historie (wer’s eilig hat, kann das überspringen).
[Historie - Anfang]
Vielleicht kennt ihr ja die Historie. Irgendwann vor so schätzungsweise 15 Jahren sagte sich ein Professor (Günther Schuh) an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) zu Aachen, dass es im täglichen Zustellbetrieb von Postboten doch eigentlich blöd ist, da mit einem Dieselmotor herumzunageln. Immer Motor starten, 30 Meter weiterfahren zum nächsten Briefkasten, Motor wieder aus. Und dieses Spiel hunderte Mal am Tag. Da tut man dem Motor keinen Gefallen. Oder man lässt den Motor immer laufen, aber dann verballert man Diesel ohne Ende. Gerade im täglichen Zustellbetrieb der Post, so seine Erkenntnis, macht ein Elektrofahrzeug ganz besonders Sinn. Allzu große Reichweite braucht man da nicht, zum Laden hat man die ganze Nacht, und Höchstgeschwindigkeit ist auch nicht das große Thema. So entstand der Streetscooter, siehe auch Online-Enzyklopädie.
Damit erschöpft sich dann aber auch schon fast die gesamte Dokumentation, die man im Netz findet. Gebaut werden die Dinger heute scheinbar nicht mehr, die Post nutzt heute eher Ford Transit basierte Zustellfahrzeuge, oder Mercedes e-Vito oder dergleichen, hat aber auch noch etliche von den Streetscootern im Einsatz. Die Post hat natürlich die meisten der gebauten Streetscooter gekauft, aber ein paar wurden auch neu an Handwerksbetriebe, Straßenmeistereien etc. verkauft. Nachdem die Post längst viele wieder ausrangiert hat, werden die jetzt auch in freier Wildbahn zum Verkauf angeboten.
So weit, so gut, stellt sich nur die Frage nach Reparatur und Instandhaltung - und das ist ein echt düsteres Kapitel. Es gibt da draußen kaum eine Werkstatt, die sich mit diesen Postkutschen auskennt. Und im Netz findet man (bis jetzt!) fast Null Info zu dem Thema. Bei anderen E-Autos ist das ganz anders. Der Mitsubishi i-MiEV z.B. hat eine riesige internationale Community und ist in Foren fast bis zur letzten Schraube dokumentiert, von den 80 bzw 88. Yuasa-Zellen über die Cell-Monitoring-Units (CMUs), den oft ausfallenden On-Board-Chargern, irgendeinen Fix mit einem 2GOhm-Widerstand, wenn er beim Pre-Charge nicht auf Ready gehen mag, usw.
Beim Streetscooter dagegen - fast nichts. Auf der DuRöhre gibt es ein einsames Video (mit ein paar Follow-Ups inzwischen) von jemandem, der sich so eine Postkutsche angeschafft hat. Er beschreibt dort, dass er auf Motortalk einen Thread gestartet hat, der ihm dann vom Admin gleich mal in ein Unterforum für E-Tretroller verschoben wurde, weil dieser den Streetscooter als Auto nicht kannte. Sonstige Internetforen - Fehlanzeige! Ein paar spärliche Infos gibt's wohl noch in einer Diskussionsgruppe beim GesichtBuch.
Also Leute - das muss sich ändern!
[Historie - Ende]
OK, also, da hätten wir nun ein Exemplar mit Erstzulassung Anfang 2016 vor uns. Das ist die sogenannte Baureihe B14, de ganz zu Beginn produziert und an die Post ausgeliefert wurde. Später kam dann die Baureihe B16. Das ist aber bereits mehr, als die Online-Enzyklopädie aktuell dazu weiß. Dieser B14 hat eine eingetragene Motorleistung von: 15 kW. Wow, 'ne Karre mit 1,4 Tonnen Leergewicht hat 20 PS, das Ding muss ja abgehen wie 'ne Rakete ![]()
Der Antriebsstrang von B14 und B16 scheint total verschieden zu sein, während sie von der Karosserie her sehr ähnlich sind. Gerüchten zufolge stecken im B16 Hochvoltbatterien vom BMW i3. Der B14 dagegen scheint eine Traktionsbatterie zu haben, die den Namen “Hochvoltbatterie” gar nicht verdient. Die hat vermutlich nur eine Spannung von etwa 120-140V. Ganz genau weiß ich es auch noch nicht, aber genau sowas gilt es ja hier herauszufinden.
Die Postkutsche, die ich hier stehen habe, ist nicht fahrbereit und gehört einem gelernten KfZ-Mechaniker, der selber an der Reparatur verzweifelt ist. Nach einer monatelangen erfolglosen Werkstatt-Odyssee (praktisch keine Werkstatt kennt sich mit den Dingern aus - vermutlich blieb all dieses Wissen in Post-eigenen Wartungszentren konzentriert) hat er einfach keinen Bock mehr auf die Kiste, weil sie aus unbekannten Gründen nicht mehr in den Ready-Modus kommt. Es geht nur das 12V-Netz, aber die Schütze in der Traktionsbatterie schalten nicht. In Sachen Lebensdauer von E-Fahrzeugen ist das hier ein echtes Trauerspiel. Die Karre ist 10 Jahre alt und hat laut Tacho noch keine 17.000 km gelaufen. Bei angenommenen 100 km Akkureichweite (viel weiter dürften die vermutlich 20 kWh kaum reichen) hat der Lithium-Ionen-Akku demnach nur etwa 170 volle Lade-Entlade-Zyklen geschafft. Ob es jemals noch mehr werden, ist ziemlich fraglich.
Auf jeden Fall habe ich das Teil jetzt in die Finger gekriegt, und das muss natürlich gleich mal ordentlich reverse-engineered werden. Jetzt gucken wir mal, was der liebe Herr Prof. Schuh da so zusammengeschu(h)stert hat ![]()
Gleich geht’s los mit Motor und Inverter.












