Disclosure vorab: Ich bin Founder von pv-strom-teilen, einer §42c-Energy-Sharing-Initiative im Pre-Launch. Heißt: ich habe Interesse am Thema, schreibe die Faktenlage trotzdem nüchtern, und wenn jemand mich korrigiert, lerne ich gern dazu.
§42c EnWG ist seit 1. Juni 2026 in Kraft, die rechtliche Grundlage für Energy Sharing. Online liest man entweder "endlich Strom an den Nachbarn verkaufen und richtig sparen" oder "bringt eh nichts wegen der Netzentgelte". Beides ist zu pauschal. Ich versuche hier die ehrliche Einordnung, wer wirklich profitiert.
Zuerst der wunde Punkt: die Netzentgelte
Anders als in Österreich (28 % Reduktion lokal, 64 % regional) gibt es in Deutschland KEINE Netzentgelt-Reduktion für geteilten Strom. Das volle Netzentgelt fällt an, auch wenn der Strom 50 m über die Straße fließt. Das ist der Grund, warum sich Energy Sharing für den klassischen Eigenheim-Fall (kleine Anlage, Privathaushalt als Abnehmer) kaum lohnt. Wer euch 200 bis 400 Euro im Jahr für eine 10-kWp-Anlage verspricht, rechnet gegen einen teuren Festtarif, nicht gegen einen dynamischen Tarif. Gegen einen dynamischen Tarif schrumpft der Vorteil auf die gesparte Stromsteuer (gut 2 ct/kWh), minus Dienstleistergebühr. Dünn.
Warum dünn? Weil Sharing nur liefern kann, wenn die Sonne scheint, also mittags. Genau dann ist der Börsenpreis am niedrigsten (2025: 525 Stunden mit negativen Preisen, fast alle mittags). Wer einen dynamischen Tarif hat, zahlt mittags also ohnehin wenig. Der Sharing-Festpreis liegt dann oft drüber. Das muss man ehrlich sagen.
Wo es sich trotzdem rechnet: zwei Seiten, die zusammenpassen
Der eigentliche Hebel liegt nicht beim kleinen Eigenheim, sondern bei einer ganz bestimmten Paarung:
ERZEUGER-Seite: größere Anlagen in der Direktvermarktung. Die bekommen für ihren Mittagsüberschuss real nur den day-ahead-Preis minus Vermarktungsgebühr, mittags also oft 2 bis 3 ct. Bei negativen Preisen sogar null, weil §51 EEG die Förderung dann streicht. Dieser Mittagsstrom ist für den Betreiber fast wertlos. Über Sharing kann er ihn zu einem festen, höheren Preis abgeben, sagen wir 6 ct. Das ist eine Verdopplung gegenüber der Direktvermarktung mittags. Und er muss nicht alles sharen, er kann aufteilen: ein Teil ins Sharing, der Rest weiter in die Direktvermarktung.
ABNEHMER-Seite: kleine und mittlere Betriebe. Die verbrauchen tagsüber, also genau dann, wenn die Sonne liefert. Der zeitliche Gleichlauf, der beim Privathaushalt das Problem ist, wird beim Gewerbe zum Vorteil. Und KMU sind aus Planbarkeitsgründen fast nie in einem dynamischen Tarif, sondern in einem Gewerbe-Festtarif, weil sie kalkulierbare Stromkosten brauchen und niemanden haben, der den ganzen Tag die Börse beobachtet. Ihre reale Alternative ist also der Festtarif (um die 28 ct), nicht der dynamische Tarif. Gegen den Festtarif ist Sharing klar günstiger.
Eine konkrete Rechnung
Erzeuger, 100-kWp-Dachanlage in Direktvermarktung, teilt 28.000 kWh/Jahr Mittagsstrom:
- Direktvermarktung mittags: ~2,5 ct/kWh, also rund 700 Euro
- Sharing zu 6 ct/kWh: 1.680 Euro
- Mehrerlös: rund 980 Euro/Jahr, plus er verschenkt nichts mehr bei negativen Preisen.
Abnehmer, KMU mit 40.000 kWh/Jahr, davon 55 % tagsüber zeitgleich gedeckt (~12.000 kWh über Sharing):
- Gewerbe-Festtarif 28 ct vs. Sharing-Endpreis ~22,6 ct brutto auf den geteilten Anteil
- Ersparnis: grob 1.500 Euro/Jahr gegenüber dem Festtarif.
Beide Seiten gewinnen. Der gemeinsame Vorteil kommt aus dem fast wertlosen Mittagsstrom, dem Wegfall der Stromsteuer (unter 4,5 km) und der wegfallenden Vermarktungs- und Lieferantenmarge. Nicht aus einer Netzentgelt-Reduktion, die gibt es ja nicht.
Was Speicher ändert
Mit Speicher beim Erzeuger oder Abnehmer kann man den Solarstrom in die teuren Abendstunden verschieben. Dann liegt der Sharing-Festpreis klar unter dem dynamischen Abendpreis (16 ct plus). Das macht die Rechnung nochmal deutlich besser. Kostet aber Speicher, und oft will der Erzeuger den selbst nutzen.
Für wen es sich NICHT lohnt
- Kleine EEG-Anlagen mit fester 8-ct-Vergütung: zu wenig Erzeuger-Anreiz.
- Reine Abend-Haushalte als Abnehmer: kein Tagverbrauch, kein Match.
- Wer rein auf den absolut niedrigsten Preis optimiert und flexibel ist: der fährt mit einem dynamischen Tarif meist besser.
Mein Fazit
Energy Sharing ist 2026 kein Goldrausch und kein Massenmarkt für jeden PV-Besitzer. Es ist erzeugergetrieben: es löst das Problem des wertlosen Mittagsstroms, das durch die negativen Preise immer größer wird, und trifft auf der Abnehmer-Seite die Betriebe, deren Lastprofil ohnehin zur Sonne passt. Für diese Paarung rechnet es sich auch ohne Netzentgelt-Reduktion. Kommt die Reform irgendwann (politisch für 2027/2028 in Diskussion), öffnet sich das auch für Privathaushalte.
Würde mich interessieren, wie ihr das seht, vor allem die, die größere Anlagen in der Direktvermarktung betreiben: Was bekommt ihr aktuell für euren Mittagsstrom, und bei wie vielen negativen Stunden seid ihr 2025 real bei null gelandet?